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reaktionen auf den globuskrawall
das zürcher manifest
die jugend bekommt ein jugendhaus - der lindenhofbunker
reaktionen auf den globuskrawall
...medien
Die Zeitungen berichteten in grossen Schlagzeilen:

·Die Zürcher Nacht der Gewalt
·Schwere Ausschreitungen in Zürich
·Die Ausschreitungen jugendlicher Demonstranten in Zürich
·Wir können keine andere Jugend wählen

Und in einem späteren Bericht schrieb die NZZ unter dem Titel "Die Früchte der Provokation":

"Die Konstanz der Führung trotz wechselnden Transparenten zeigt, dass es den Verantwortlichen nicht oder zumindest nicht in erster Linie... um das Jugendhaus geht, sondern dass ihr eigentliches Ziel darin besteht, die Ordnung des demokratischen Rechtsstaates zu stören und wohl schliesslich zu zerstören.."<

Die meisten Medien fanden das Verhalten der Demonstranten unentschuldbar; sie sollten dafür büssen.

der Blick schon damals (91kb)

...volk
Das Volk resp. die Masse wurde natürlich teilweise auch durch die Medien beeinflusst. Privatpersonen, Männerchöre, Landwirte, Turnvereine, Metzger, Akademiker, Schwinger etc. boten der Polizei bei einem nächsten Einsatz Hilfe an. Weiter brachten sie gar der Polizei Blumen, Schokolade, Getränke und Geld, welche die Gesetzeshüter natürlich dankend annahmen.

Schon während der Demonstration waren Ausrufe wie "Konzentrationslager für die Demonstranten! Vergasen sollte man sie! In die Limmat mit Ihnen!" von den Gaffern laut geworden (und einmal mehr bestätigten diese Ausrufe den Jugendlichen, warum sie überhaupt auf die Strasse gingen).
Hasserfüllte Leserbriefe wurden an die Zeitungen geschickt und gar bekannte Repräsentanten der Jugendlichen bedroht.

diverse Briefe (141kb)

...jugendliche & demonstranten
Auch von den Jugendlichen wurden Berichte in den Zeitungen abgedruckt, in welchen sie über Misshandlungen von der Polizei im Globuskeller und auf der Hauptwache berichteten. Sie schilderten die Behandlung mit Schlägen, Fusstritten, Faustschlägen, Knüppelhieben, Beschimpfungen etc. Ein Arzt, der in dieser Nacht im Globus-Provisorium tätig war, bestätigte die Aussage der Jugendlichen.

Es roch nach Gestapo-Methoden (90kb)

...polizei
Die Gesetzeshüter waren verärgert, dass sie durch die "Langhaarigen und Ungewaschenen" ständig Überstunden machen und solche Schlachten austragen mussten. Viele von ihnen waren physisch und psychisch angeknackst und suchten seelischen Beistand. Manch einer zeigte nach diesen Krawallen auch die Absicht, den Dienst zu quittieren.

...bürgerliche parteien
Die Bürgerlichen Parteien forderten die Behörden zu folgenden Massnahme auf:

·Alle Verhandlungen mit jenen Gruppen, welche die demokratische Ordnung nicht respektieren, sind abzubrechen, insbesondere jene mit dem "Aktionskomitee Autonomes Jugendzentrum"
·Gegen Randalierer und Rädelsführer ist die ganze Strenge des Gesetztes anzuwenden.
·Studenten und Mittelschüler, welche von einem Gericht verurteilt werden, sind von den Lehranstalten wegzuweisen.
·Ausländer, die sich an den Unruhen beteiligt haben, sind über die Grenze abzuschieben.

...stadtrat
·Jede Ansammlung demonstrativen Charakters ohne ausdrückliche Bewilligung des Stadtrates ist bis auf weiteres verboten.
·Zuwiderhandlungen werden bestraft.
·Unter das Demonstrationsverbot fallen auch die Zuschauer, welche die Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung ausserordentlich erschweren.

...intellektuelle (das "zürcher manifest")
Namhafte Persönlichkeiten, Intellektuelle, Professoren, Anwälte, Vertreter des öffentlichen Lebens, Künstler und Schriftsteller erkannten die Probleme der verschiedene Parteien und suchten nach einer Lösung. Daraufhin erarbeiteten Sie das "Zürcher Manifest".

das zürcher manifest
Wir stellen fest:
In Zürich ist es zwischen Jugendlichen und der Polizei zu Kämpfen gekommen. Damit brachen auch in unserer Stadt Konflikte aus, wie sie sich gegenwärtig in Ost und West zeigen.

Wir folgern:
Die Zürcher Ereignisse dürfen nicht isoliert beurteilt werden. Sie sind eine folge unzulänglicher Gesellschaftsstrukturen. Sie als Krawalle abzutun und die Beteiligten nur als randalierende Taugenichtse und Gaffer hinzustellen ist oberflächlich.

Wir sind überzeugt:
Eine Ursache der Krise ist die Unbeweglichkeit unserer Institutionen. Diese Unbeweglichkeit wendet sich gegen den Menschen. Sie verhindert die Anpassung an die wandelnden Bedürfnisse der Menschen und die Entfaltung schöpferischer Minderheiten.

Wir erinnern:
Wesentliche Umwälzungen sind immer von Minderheiten ausgegangen. So fand 1848 der Liberalismus gerade in der Jugend leidenschaftliche Anhänger. Diese Minderheit damals Revoluzzer genannt - bewahrte die Unabhängigkeit der Schweiz und schuf unseren Bundesstaat.

Wir warnen:
Einen kulturellen Konflikt lösen weder Prügel und Verbote noch Besänftigung durch gönnerhafte Angebote. "Wohltätigkeit ist das Ersaufen des Rechts im Mistloch der Gnade" (Pestalozzi). Unterdrückung der Konflikte treibt die Jugend auf die Barrikaden.

Wir fordern:

·Bereitstellung eines zentral gelegenen, autonom verwalteten Diskussionsforum für jung und alt.
·Verzicht auf Sanktionen, wie Relegation von Studenten und Schülern, Entzug von Stipendien, Ausweisung von Ausländern, Entlassungen, sofern nicht schwerwiegende Delikte vorliegen.
·Wiederherstellung des verfassungsmässigen Demonstrationsrechts.
·Fortsetzung der Gespräche mit allen Minderheiten.
·Einladung zur Meinungsäusserung aller Konfliktparteien durch Presse, Radio und Fernsehen.
·Unverzügliche Bildung einer wissenschaftlichen Arbeitsgruppe mit dem Auftrag, die tiefen Ursachen des Konfliktes zu erforschen und praktische Vorschläge auszuarbeiten.

Zürcher Manifest (82kb)

verhalten der stadt auf das manifest
Die Stadt reagiert zum Einen mit der Anschaffung zweier Wasserwerfer, zum Andern bewilligte sie 200 000 Franken zur Ausarbeitung einer baureiflichen Projektvorlage für die Überbauung des Drahtschmiedli-Areals (auf diesem Areal steht noch immer das alte Provisorium).

Weiter wird zur Erleichterung des Kontakts zwischen der Jugend und der Stadt eine "Externe Kommission für Jugendfragen" gebildet.

Im Januar '69 reist eine altersmässig gemischte Studiengruppe in verschiedene europäische Städte um abzuklären, wie in anderen Städten Jugendzentren organisiert und welche Erfahrungen mit ihnen gemacht worden sind. Zugleich wird eine Umfrage unter allen Jugendgruppen und Jugendorganisationen über ihre Vorstellungen bezüglich Form und Betrieb eines städtischen Jugendzentrums gemacht.

die jugend bekommt ein "jugendhaus" - der lindenhofbunker
Nachdem die Studiengruppe verschiedene Jugendhäuser in Stuttgart, Hannover, Amsterdam und Paris besichtigt hatten, führten sie eine Umfragen unter allen Jugendgruppen und Jugendorganisationen durch, betreffend Vorstellungen bezüglich Form und Betrieb eines Jugendhauses. Daraufhin wurde der Lindenhofbunker besichtigt, der als möglicher Ort vorgeschlagen wurde.

Nach diversen Diskussionen über Alkohol, Öffnungszeiten, Konsum von anderen Rauschmitteln, Alters- und Zeitbegrenzungen usw, wurde am 30. Oktober 1970 der Bunker eröffnet. Die Eröffnung war ein grosser Erfolg, da 8000 Personen zum Fest kamen, obwohl in der Lindenhofbunker für nur etwa 800 gerechnet war.

Kurz darauf waren auch Graffitis zu lesen mit der Mitteilung:

"Wir danken dem Stadtrat, der uns grosszügigerweise für jeden Jugendlichen, der in der Stadt Zürich lebt, 36cm2 Jugendhausfläche zur Verfügung gestellt hat!"

Auch andere Probleme wurden schnell sichtbar, da das gegründete Bunkerkomitee überfordert war. Der Bunker wurde täglich mit mehreren Drogenfällen konfrontiert, die früher auf der Strasse stattfanden. Nach knapp einen Monat drohten die Behörden auch bereits mit der Schliessung. Nach weiteren Diskussionen und Versuchen die Probleme im Bunker zu lösen, nach sogar einer Gründung der " Autonomen Republik Bunker", wurde der Bunker nach gerade mal (schon fast der magischen Zahl) 68 Tage geschlossen.

Heute wird das ehemalige Jugendhaus für optimalere, aber nicht ganz ähnliche Zwecke genutzt. Es werden Autos parkiert. Willkommen im Urania.

Auch das noch bestehende Drahtschmidli wurde daraufhin geräumt.