interview mit hans-ueli ackermann
Was war für Sie das Besondere am Jahr 1968?
Das Besondere am Jahr 1968 war, nicht nur für mich, die Aufbruchsstimmung unter uns Jugendlichen. Nach den auf das Materielle ausgerichteten Nachkriegsjahrzehnten machte sich das Bedürfnis geltend, dem Leben einen neuen Sinn zu geben. Es war ja gelungen, das wirtschaftlich zugrundegerichtete Europa (und andere Weltregionen) wieder zu einem gesunden Wohlstand zu bringen. Aber jetzt? Nun galt es, auch wieder ideelle Werte zu finden. Und wir Jugendlichen waren da eben sehr sensibel. (Wie das immer ist, wenn eine neue Generation die Werte der Elterngeneration hinterfragt.)

Was waren dazumal Ihre Idealvorstellungen und wie haben sie sich verändert resp. können Sie diese heute noch vertreten?
Unsere Ideen, war ich überzeugt, sind richtig. Sie lassen sich auf andere Weise verbreiten und ich setzte ich mich an den verschiedensten Orten dafür ein, an "Teach-Ins" an der Universität, an Veranstaltungen in meiner damaligen Kirchgemeinde, mit der Organisation von Demonstrationen und der Teilnahme daran, ja sogar an Ausspracheabenden in meinen WK's.

Damals war die Form des Zusammenlebens in einer WG beispielsweise noch völlig undenkbar: Es gab ja das "Konkubinatsverbot" und man musste damit rechnen, dass frühmorgens Polizisten die Zahnbürsten in einer verdächtigen Wohnung kontrollierten und zählten. Natürlich lacht man heute darüber, aber so war es eben. Jedenfalls waren auch nicht alle meine damaligen Gesprächspartner von dieser Idee begeistert, nicht einmal im privaten Kreis!

Ein anderes Problem, das wir aufgriffen, war das Thema der Mit- oder Selbstbestimmung in Schulen und Betrieben: Es sollte doch möglich sein, die Arbeitszeit in einem Betrieb individuell zu gestalten und vielleicht "Job-Sharing" zu machen. Na ja, damals war's neu, heute ist es (beinahe) keine Frage mehr. Oder wäre es nicht denkbar, dass in einer Schule die Lernenden ihre Lerninhalte selbst bestimmen könnten? Aber da muss ich Dir sicher nicht sagen, dass beispielsweise in Bülach das sogenannte "Wahlfachsystem" immer noch auf sich warten lässt (auch wenn ich jeweils an unseren Konventen die Vorteile dieser Lehrform erklärte...).

Also, als 22-jähriger war ich damals "ins Gelingen verliebt, hab ans Scheitern nicht geglaubt und rot war die Hoffnung" (Ernst Bloch). Das Leben kann doch nicht nur aus Arbeiten für die täglichen Bedürfnisse bestehen, wir brauchen doch auch neue Formen für das Zusammenleben, Zeit und Raum für die Auseinandersetzung mit uns selbst und den andern! Davon bin ich heute noch überzeugt, nur nicht mehr ganz so naiv, ganz so optimistisch wie damals. Auch in einer WG geht es am Schluss des Festes ans Aufräumen - und dann hat dann eben jeder und jede eine andere Vorstellung von Ordnung und Sauberkeit und...

Wenn ich schreibe "rot war die Hoffnung" - dann ist sie das immer noch: In meinen Studentenjahren war ich Mitglied der "Sozialistischen Hochschulgruppe" (zusammen mit unter anderen Moritz Leuenberger, heute Bundesrat). Und politisch stehe ich eben nach wie vor links!

Waren die aggressiven Auseinandersetzungen zwischen den Jugendlichen und der Polizei von den Jugendlichen provoziert worden oder war es eine zu übertriebene Antwort der Gesetzeshüter?
Die Globuskrawalle waren beides, Bedürfnis nach "Action" unter den Jugendlichen und übertrieben-ängstliche Reaktion der Behörden.

Haben Sie auch mit der Polizeigewalt "Bekanntschaft" gemacht?
Dort habe ich nicht "gekämpft", habe nicht mit der Polizeigewalt "Bekanntschaft" gemacht, sondern war dort, wo eben "Action" war - und wo wir eben ein Zeichen setzen konnten, dass wir da waren, dass wir für andere Ideen eintraten als die Generation vor uns. Vom Flugblatt des FASS vernahm ich, wie die allermeisten von uns, erst am nächsten Montag aus den Zeitungen!

Hoffentlich bist Du nicht enttäuscht: Du hast jetzt sicher gemerkt, dass ich Dir keine sensationellen "Räuber und Polizei"-Geschichten aus den 68er-Jahren zu erzählen habe. Nein, ich warf keine Steine auf die Polizisten, ich war bei keiner Hausbesetzung dabei, und ich wurde auch nie in Prügeleien verwickelt.